© Amrei-Marie (Ausschnitt)

Klaus Reichert

geboren 1938 in Fulda, lebt heute in Frankfurt am Main. Studium der Philosophie und verschiedener Sprachen in Marburg, London, Berlin, Gießen und Frankfurt am Main. Seit 1961 Außenlektor für den Insel Verlag (englische, niederländische, jiddische, deutsche Literatur), von 1964 bis 1968 Lektor im Insel Verlag. Mitbegründer des Verlags der Autoren 1969. Promotion 1970 über Lewis Carroll ("Studien zum literarischen Unsinn"). Lehrbeauftragter an den Universitäten Konstanz und Bielefeld. Von 1975 bis 2003 o. Professor für Anglistik/Amerikanistik an der Goethe-Universität Frankfurt, sowie Direktor des 1993 gegründeten interdisziplinären Zentrums zur Erforschung der Frühen Neuzeit. Gastprofessuren in Italien und in den USA. Von 2002 bis 2011... Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.

Auszeichnungen (Auswahl):

2013 Wilhelm-Merton-Preis für europäische Übersetzungen
2012 Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland
2010 Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main
2008 Preis der Kritik
2007 Julius-Campe-Preis
2006 Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst Erster Klasse
1996 Hessischer Kulturpreis für Wissenschaft
1983 Christoph-Martin-Wieland-Preis


Werke

Besetzung ad libitum
UA der Übersetzung: Düsseldorfer Schauspielhaus, 26.9.1981. R: Peter Palitzsch
Bassanio ist pleite. Wieder einmal. Dabei bemötigt er dringend Geld, damit er um Portias Hand werben kann, die reiche Tochter eines verstorbenen sittenstrengen Mannes. Portia darf nicht heiraten, wen sie will, sondern nur den, der das richtige von drei Kästchen wählt, die jeweils einen Sinnspruch tragen. Um bei dieser Lotterie dabei sein zu können, bittet Bassanio den reichen venezianischen Kaufmann Antonio um Hilfe. Ihm leiht man Geld, seine Waren, die auf Schiffen übers Meer schaukeln, sind sein Kapital. Zugegeben, ein virtuelles, bevor sie nicht Venedigs Hafen erreicht haben. Deshalb verlangt der jüdische Geldverleiher Shylock ein zusätzliches Pfand: ein Pfund Fleisch von Antonios Leib, wenn er zur bestimmten Zeit den Schuldschein nicht einlösen kann...
Besetzung ad libitum
von William Shakespeare
in einer Fassung von Luk Perceval und Peter Perceval
3D-4H
UA: Het Toneelhuis Antwerpen, 24.4.2002. R: Luk Perceval
DSE: Schauspiel Hannover, 8.5.2002. R: Luk Perceval
Ein alter geistesverwirrter Mann, der auch Lear sein könnte, sitzt auf einem Stuhl, der auch sein Thron sein könnte, um sich die Familie, die auch sein Hofstaat sein könnte, die pflichtschuldig darauf wartet, dass er irgendetwas von sich gibt. Und als er schließlich Unverständliches murmelt, schnellen alle von ihren Sitzen, um möglichst nah an seinem Ohr zu sein - es könnte ja um die Erbschaft gehen.
So beginnt L. KING OF PAIN, eine vielsprachige Lear-Paraphrase, die das Autorentrio Peter Perceval, Klaus Reichert und Luk Perceval (in der Reihenfolge ihres Anteils am Text) für Luk Percevals Inszenierung geschrieben hat: eine in Sprach- und Weltverwirrung sich zeigende Tragödie des Altseins, das außer Alzheimer und Erbschleichern nichts zu bieten hat.
3D-4H
Besetzung ad libitum
UA der Übersetzung: Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 31.5.1975. R: Dieter Giesing
Es steht schlecht um die Moralvorstellungen in der Wiener Gesellschaft. Der Herzog Vincentio, Herrscher in dieser Welt, zieht sich aus dem tagespolitischen Geschehen zurück, und überlässt die Regierungsgeschäfte seinem Untergebenen Angelo, der den geschriebenen, aber sehr nachlässig exekutierten Gesetzen wieder Gewicht verleihen will. Angelo missbraucht seine machtpolitische Position und wird so zum Opfer seiner eigenen Forderung. Der Herzog aber, der vorgibt, ins Ausland verreist zu sein, zieht aus dem Hintergrund die Fäden. Skrupellos bespitzelt, intrigiert, betrügt und überwacht er sein Volk, um sich so eine reglementierte und zwangsbeglückte Gesellschaft zu schaffen.

Klaus Reicherts Übersetzung von MAß FÜR MAß wurde von Hamburg bis Konstanz, von Bonn bis Berlin gespielt. U.a. hat Leander Haussmann MAß FÜR MAß "in Klaus Reicherts glasklarer Übersetzung" (Frankfurter Rundschau) am Schauspielhaus Bochum inszeniert.

"Auf der Suche nach einem Vers für Großformen, der heute funktioniert, der das viele Material eines Dramas tragen kann, ohne darunter zusammenzusacken oder in einzelne Lyrismen zu zerfasern, bieten sich die Theorien des Amerikaners Chalres Olson an, sein offener oder projektiver Vers. Dieser Vers ist definiert durch die Zeile als Einheit: er ist nicht mehr die Summe soundsovieler Füße, sondern ein Ganzes. Die Zeile ist das, was in einem Atemzug gesagt werden soll, so dass das Tempo langer Zeilen rascher, und das kurzer Zeilen langsamer ist. Der Vers hat eine Zäsur: sie liegt am Ende der Zeile. Diese Zäsur fällt gewöhnlich nicht mit einem Sinneinschnitt zusammen. Durch Beachten der ryhthmischen Einschnitte ist es möglich, Sprechen als Verfertigung der Gedanken beim Reden vorzuführen: so bekommt die Künstlichkeit des Verses etwas vom Prozesscharakter umgangssprachlicher Rede zurück." (Klaus Reichert)
Besetzung ad libitum
von Tom Lanoye und Luk Perceval
Übersetzung zusammen mit Rainer Kersten
Besetzung ad libitum
UA: Blauwe Maandag Compagnie, Gent, 22.11.1997. R: Luk Perceval.
DE: Salzburger Festspiele, 25.7.1999/Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 2.10.1999. R: Luk Perceval
Die Vorlage für SCHLACHTEN! liefern Shakespeares berühmte Königsdramen: "Richard II.", "Heinrich IV.", "Heinrich V.", "Heinrich VI." und "Richard III.", die zusammen den Zyklus der Rosenkriege bilden. Der flämische Autor Tom Lanoye hat, gemeinsam mit dem Regisseur Luk Perceval, diese Dramen neu geschrieben: Mal nah am Original, mal weit von ihm entfernt. Er hat die Akzente anders gesetzt, das Riesenpersonal reduziert, Figuren umgeschrieben, bei Shakespeare schwach Angedeutetes krass ins Licht gezerrt. Aus acht abendfüllenden Stücken werden bei Lanoye und Perceval sechs, die in einem Zug zu spielen sind: ein Theatergedicht um Machtkriege und Überlebenskämpfe. Generationenkonflikt, Geschlechterkrieg und der selbstzerstörerische Kampf des Individuums mit sich selbst - das sind die zentralen universellen Themen dieses Werkes.
Besetzung ad libitum
Besetzung ad libitum
UA der Übersetzung: Wuppertaler Bühnen, 26.6.1971. R: Kosta Spair
TIMON VON ATHEN zeigt eine degenerierte Gesellschaft, in der einzig das Geld regiert und das gesamte Leben von Krediten - aufgenommenen, gewährten und verweigerten - bestimmt wird. Man schwelgt in Dekadenz und scheinbarer Sorglosigkeit, bis die große Spekulationsblase platzt. Einer der Leidtragenden ist Timon. Insolvent, von der Gesellschaft verstoßen, sucht er sein Heil fernab der verlogenen Zivilisation in misanthropischer Einsamkeit. Nachdem er, auf der Suche nach Essbarem in der Erde wühlend, einen Goldschatz gefunden hat, nutzt er den plötzlichen Reichtum und beginnt, seinen Hass auf die falschen Freunde in einen gut finanzierten, perfiden Rachefeldzug umzumünzen.
Besetzung ad libitum
Von Suhrkamp zum Verlag der Autoren
Zusammen mit Walter Boehlich, Karlheinz Braun, Peter Urban und Urs Widmer
Fünf Autoren, die einmal Lektoren im Suhrkamp Verlag waren, schreiben über die Konflikte mit dem Verleger Siegfried Unseld, die sie veranlassten, gemeinsam diesen Verlag zu verlassen und einen neuen zu gründen. Es geht in diesem Buch also noch einmal um den sogenannten "Aufstand der Lektoren" von 1968. Der "Chronik" 1970 des Verlegers, die letztes Jahr erschien, folgt nun die "Chronik der Lektoren". Sie sieht die Ereignisse aus ihrer deutlich anderen Sicht und verweist damit auf die Subjektivität von Unselds Chronik.

Die Lektoren erinnern sich an einen Kampf um Demokratisierung in einem Verlag, dessen Programm 1968 in einem offensichtlichen Widerspruch zum Verleger stand, der – nach Walter Boehlich – Besitzverhältnisse mit persönlichen Leistungen verwechselte. Dass dieser Konflikt sich in einem Verlag entwickelte, der wie kein anderer die "progressive" Literatur vertrat, war bezeichnend für die Schwierigkeiten einer linken Theorie mit der Praxis. Es war ein Konflikt, der "exemplarische Bedeutung für die Struktur des Verlagswesens, die Abhängigkeits- und Mitbestimmungsverhältnisse in geistigen Berufen" (Wolfram Schütte, Frankfurter Rundschau) hatte.

Fünf Lektoren rekapitulieren die Ereignisse. Der spätere Anglistik-Professor und heutige Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Klaus Reichert, schreibt seine eigene "Chronik eines Lektors". Peter Urban, der Übersetzer und Neuentdecker slawischer Literatur, erzählt von einer Verlagsarbeit mit Folgen, an die Urs Widmer, der Schriftsteller wurde, in dem gemeinsamen "Traum vom herrschaftsfreien Arbeiten" erinnert. Karlheinz Braun, langjähriger "Delegierter" der Autoren, interpretiert und kommentiert den "Aufstand". Und vom damaligen Cheflektor Walter Boehlich, der im September 2011 seinen 90. Geburtstag feiern würde, gibt es aus dem Nachlass ein Kapitel mit bislang unveröffentlichten Briefen an Ingeborg Bachmann, Max Frisch, Uwe Johnson, Siegfried Lenz, Siegfried Unseld u.a., die seinen jahrelangen Schwierigkeiten mit dem so ungleichen Verleger und dem Schmerz über das Nichterreichte Ausdruck geben. Und der dann umso engagierter an der Verwirklichung des "Traums" von einem "Verlag der Autoren", der seinen Autoren und Mitarbeitern gehört, arbeitete, von dessen Gründungsgeschichte das letzte Kapitel des Buches erzählt.

216 Seiten. broschiert. 18€
ISBN: 978-3-88661-345-8

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