Uli Menke

geboren 1968 in Möhnesee. Nach einer Ausbildung zum Buchhändler arbeitete in der Heinrich Heine Buchhandlung, Berlin, bei P.U.F., Paris und in der Buchhandlung Knesebeck 11, Berlin. Von 1992 - 1997 absolvierte er ein Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, Religionswissenschaft und Ethnologie an der FU Berlin und in Paris, Vincennes / St. Denis, 1997 Maîtrise bei Michel Deguy zu Maurice Blanchot, «Thomas l’obscur». Seitdem arbeitet er als freier Übersetzer und Dramaturg. Lebt in Brest.

Auszeichnungen (Auswahl):

2013 Theater-Transfer-Preis für die Übersetzung von KÜSTE von Wajdi Mouawad


Werke

1H (auch größer besetzbar)
UA:L'Arrière Scène/Centre culturel de Beloeil (Kanada), 1993. R: Serge Marois

Alfons ist verschwunden. Eines Abends kommt der Vierzehnjährige nicht von der Schule nach Hause, und seither wird er von allen gesucht: Seine Familie macht sich Sorgen, die Polizei ermittelt, und in der Schule wird herumgefragt. Alfons hingegen läuft eine nächtliche Landstraße entlang und steht vor der größten Erfahrung seines noch jungen Lebens: dem Unsichtbaren. Und auch wenn nichts und niemand ihn auf eine solche Begegnung vorbereitet hat, begleiten ihn zahlreiche - reale wie imaginäre - Gestalten und bevölkern seine Hinterbühne der Träume und der Liebe: Da ist zum Beispiel sein Schulfreund Walther, dem Alfons jeden Morgen von angeblichen nächtlichen Abenteuern berichtet; da ist Judith, vielleicht eine der wenigen Wahrheiten in Alfons' Erzählungen; da ist sein geheimnisvoller Begleiter Peter-Paul-Rainer, ein "sanftes, einsilbiges Kind, das sich nie über irgendetwas wunderte"; oder auch Viktor, der Polizeiinspektor, dessen Ermittlungen zwar nicht voranschreiten, dafür aber an Schönheit gewinnen...
ALFONS ist ein traumhaft-poetischer Monolog über das Erwachsenwerden, angesiedelt im Bereich zwischen Realität und Phantasie.
1H (auch größer besetzbar)
Altersempfehlung: ab 14 Jahren.
2D-1H (oder 1D - 2H)
UA: Théâtre en Scène / Théâtre BMK, Metz, 12.12.2019. R: Vincent Goethals
Amanda Mandel ist ein kleines Mädchen mit einer überbordenden Phantasie. Und sie ist schwerkrank. Glaubt sie zumindest. Denn jedes Mal, wenn sie den Kranken Mann in seinem grauen Krankenhauszimmer besucht, schleppt sie selber ein neues Leiden an und versucht, die Aufmerksamkeit des Arztes dadurch auf sich zu lenken: von der Krankheit zunehmender Zappeligkeit über die Moppkrankheit bis hin zur Keinekrankheitkrankheit. Doch statt eingehender Untersuchungen erhält sie jedes Mal prompt den Entlassungsschein. Ganz anders als der Kranke Mann, der schon seit langem ans Bett gefesselt ist. Doch warum kehrt Amanda immer wieder zu ihm zurück? Und wer ist dieser schweigsame Mann, den sie bis zur Heilung begleiten wird? Das und vieles mehr erzählt Marie-Hélène Larose-Truchon in ihrem Kinderstück. Auf leichte Weise, voller Sprachspiele und Situationskomik, thematisiert sie die Erfahrung von und den Umgang mit Krankheit aus der Sicht von Kindern.
2D-1H (oder 1D - 2H)
Altersempfehlung: ab 8 Jahren.
Besetzung ad libitum
UA: Théâtre national de Bordeaux en Aquitaine, 2008, R: Dominique Pitoiset.
DSE: Schaubühne Berlin, 24.10.2008, R: Dominique Pitoiset
Zeus, als Stier getarnt, entführt die schöne Europa am Strand des heutigen Libanon. Europas Brüder werden vom Vater fortgeschickt, um sie zu suchen. Allein der jüngste Bruder bleibt zurück. Doch als der Vater stirbt, zieht Kadmos ebenfalls aus, die Schwester zu finden. Auch er sucht Europa vergebens und gründet schließlich eine Stadt: Theben.
Drei Generationen später ist Theben vom Krieg zerstört. Kadmos’ Urenkel Laios muss fliehen, seine Feinde wollen ihn töten. König Pelops gewährt ihm Exil, doch Laios verliebt sich in dessen Sohn, entführt den Jungen und flieht zurück nach Theben. Es entbrennt ein neuer Krieg, an dessen Ende ein Fluch steht: Kein Kind für Laios. Dennoch wird ihm ein Sohn geboren: Ödipus...
In seinem Stück hat Wajdi Mouawad Teile der großen griechischen Tragödien von Sophokles, Aischylos und Euripides montiert und erzählt so die Geschichte der Stadt Theben: den Niedergang einer Utopie, die Zerstörung einer Zivilisation, die Schuldverstrickungen der Vorfahren.
Besetzung ad libitum
1D-2H
UA: Théâtre Le Clou, Montréal, 12.10.2006. R: Benoît Vermeulen.
DSE: Staatstheater Mainz, 5.11.2009. R: André Rößler.
Der Gerichtsanthropologe Boon wird beauftragt, zwei Leichen zu identifizieren, die in einem Fluss gefunden wurden. In einem der beiden Toten erkennt er seinen Jugendfreund Murdoch wieder, der 15 Jahre zuvor auf geheimnisvolle Weise verschwunden ist. Offen aber bleibt zunächst das Geheimnis des jungen Mädchens, das mit Murdoch zusammen geborgen wird, und das all die Jahre fest umschlungen mit ihm auf dem Grund des Flusses gelegen ist.
Boon begibt sich auf die Suche: nach der Identität des Mädchens, nach der Vergangenheit seines rebellischen Jugendfreundes - und findet dabei nicht zuletzt auch den Jugendlichen wieder, der er selber einmal gewesen ist: ein Heranwachsender, ebenso durstig nach Sinn, nach Leben und Liebe, wie seine Altersgenossen.
Ein raffiniert gebautes Jugendstück über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, über Enttäuschungen und Aufbegehren - aber auch über die Liebe und die Kraft der Phantasie.
1D-2H
Altersempfehlung: ab 14 Jahren.
3D
UA: Théâtre la Seizième, Vancouver, 3.4.2018. R: Marie Farsi
Ihrem außergewöhnlichen Namen zum Trotz darf Eiskrem nur gesunde Sachen essen, jedenfalls kein Eis. So will es ihre Frau Mutter. Die wiederum ist so sehr damit beschäftigt, die Umwelt zu retten, dass sie nicht einmal mehr Zeit findet, ihrer Tochter Geschichten zu erzählen, jedenfalls nicht zu Ende. Stattdessen ruft sie per Fernsteuerung das pubertierende Kindermädchen Samantha herbei, die sich mehr schlecht als recht um das kleine Mädchen kümmert. Bis zu dem Tag, an dem Eiskrem genug hat: Sie trotzt dem Verbot, schnappt sich die Eispackung und isst sich bis zu deren Boden vor, wo sie unverhofft auch den Geheimnissen ihrer Mutter auf den Grund kommt.
Ein phantasie- und humorvolles Stück über unbeaufsichtigte Kinder, überforderte Eltern und generationenübergreifenden Genuss.
3D
Altersempfehlung: ab 4 Jahren.
2D-6H
UA: Au Carré de l'Hypoténuse/Abé Carré Cé Carré/Festival d'Avignon, 18.7.2009. R: Wajdi Mouawad
DSE: Junges Schauspielhaus Hamburg, 20.2.2015. R: Konradin Kunze
Abgeschottet, an einem entlegenen und geheimen Ort, überwacht die Sonderkommission "Sokrates" den Himmel. Die zusammengewürfelte Gruppe internationaler Geheimdienstmitarbeiter soll Botschaften islamistischer Terroristen abfangen und entschlüsseln. Doch als einer von ihnen, Valéry, aus unerklärlichen Gründen Selbstmord begeht, verzögert sich die geplante Ablösung der anderen. Die Untersuchungen richten sich zunehmend nach innen: Warum hat sich Valéry umgebracht? Gibt es einen Zusammenhang mit den Nachforschungen? Auf der Suche nach Antworten müssen die Agenten bald erkennen, dass sie die ganze Zeit der falschen Fährte gefolgt sind, und dass der Terror ihnen näher ist, als sie sich vorstellen konnten. Denn die Spur verweist auf eine Jugend, die an keine europäischen Werte mehr glaubt und die sie selber mit erschaffen haben.

"HIMMEL ist der letzte Teil einer Tetralogie, beginnend mit KÜSTE, VERBRENNUNGEN und WÄLDER. Es ist auch das Gegenstück hierzu. HIMMEL ist ein Stück, das – inhaltlich wie formal – all dem zu widersprechen versucht, wofür KÜSTE, VERBRENNUNGEN und WÄLDER stehen: der Bedeutung von Erinnerung, der Suche nach den eigenen Wurzeln, dem Streben nach dem Unendlichen. HIMMEL erzählt, wie ausgerechnet das, wofür die anderen drei Stücke eintreten, die Welt erschüttern kann." (Wajdi Mouawad)
2D-6H
3D-4H
UA: Théâtre d’Aujourd’hui, Montréal, 1992, R: Wajdi Mouawad.
DSE: Staatstheater Kassel, 10.4.2015. R: Gustav Rueb
Inmitten fallender Bomben feiert Familie Cromagnon Hochzeit. Sie tun so, als ginge das Leben weiter seinen Gang. Doch der Krieg ist längst in das Innere der Familie vorgedrungen: Die Eltern lieben und hassen einander; der ältere Sohn ist in die Schlacht gezogen, gegen wen auch immer; der Jüngere erwartet sehnlichst die Rückkehr des geliebten Bruders. Und die Tochter? Ist sie verrückt, zurückgeblieben, oder schlicht die Einzige, die sich nicht hat anstecken lassen von der allgegenwärtigen Gewalt? Jedenfalls soll es ihr großer Tag werden, die Hochzeitsvorbereitungen sind in vollem Gange, die Gäste müssen jeden Moment eintrudeln. Doch einer fehlt ebenfalls: der Bräutigam.
Mit seiner bitteren Komödie HOCHZEIT BEI DEN CROMAGNONS legte Wajdi Mouawad den Grundstein für seine späteren Arbeiten. Auch hier schon finden sich die zentralen Themen: Krieg, äußere und innere Emigration, Gewalt, die sich wie ein "Erbe" in Familien einschreibt.
3D-4H
1H
UA: Théâtre de Sartrouville, 24.2.2003. R: Christian Gangneron.
DSE: Theater Bremen, 3.10.2020. R: Alize Zandwijk
Mitten in einer stürmischen Winternacht erhält Wahab einen Anruf seines Bruders: ihrer beider Mutter liegt im Sterben. Auf dem Weg ins Krankenhaus, im schlimmsten Schneegestöber, kämpft Wahab mit seinen Gedanken und Erinnerungen - an seine Mutter, seine Familie, seine ferne Heimat, den Krieg, den er dort als Kind miterleben musste. Und je näher Wahab dem Krankenhaus kommt, desto mehr nähert er sich auch dem wunden Punkt seiner eigenen Geschichte und der seiner Familie: jenem Zwischenfall, der alles veränderte.
IM HERZEN TICKT EINE BOMBE wurde als szenische Lesung beim Festival Primeurs 2017 in Saarbrücken präsentiert: "Wajdi Mouawad erzählt von einem jungen Mann, dessen Erfahrung sich in vielen Biografien wiederholt. Flucht, Migration, Kriege – sie hinterlassen Spuren im Menschen. Doch das Erwachsenwerden auch. Offener als in diesem literarischen Zwiegespräch ringen Schmerz und Liebe, Wut und Zärtlichkeit selten miteinander." (Festival-Ankündigung)
1H
Altersempfehlung: ab 13 Jahren.
Besetzung ad libitum
UA: Théâtre Ô Parleur/Festival de théâtre des Amériques, Montréal, 1997. R: Wajdi Mouawad.
DSE: Staatstheater Mainz, 19.2.2011. R: André Rößler
Ausgerechnet in der aufregendsten Liebesnacht, die Wilfried je hatte, erfährt er vom Tod seines Vaters. Der Vater, den er als Lebenden kaum kannte, wird als Toter höchst lebendig und für Wilfried zum Problem. Unmöglich, ihn zu begraben. Die Familie der Mutter verweigert eine Aufnahme in das Familiengrab. Die Überführung der Leiche in die alte, kriegsversehrte Heimat des Vaters gerät zur Odyssee. Aufgrund der verlustreichen Kriege sind die Toten im Land längst in der Überzahl und haben alle Grabstellen belegt. Allmählich wird es höchste Zeit, den Vater loszuwerden. Als es Wilfried nach einem beschwerlichen Weg durchs Land endlich gelingt, ihn im Meer zu versenken, hat er Vieles neu erfahren: den Vater, sich selbst und seine eigene von Exil und Entwurzelung geprägte Geschichte.
Besetzung ad libitum
Besetzung ad libitum
UA: Théâtre de Quat’Sous/ Festival de théâtre des Amériques/ Théâtre
Ô Parleur/ Théâtre Hexagone, Meylan, 14.3.2003. R: Wajdi Mouawad
DSE: Staatstheater Nürnberg, R: Georg Schmiedleitner / Deutsches
Theater Göttingen. R: Regina Wenig, jeweils 13.
Mit "eindrucksvoller Sprachgewalt" (Die Welt) nimmt der 1968 im Libanon geborene frankokanadische Autor Wajdi Mouawad in VERBRENNUNGEN den Leser mit auf eine lange Reise, auf der schonungslos von den Anlässen für Gewalt und Blutvergießen berichtet wird. Mouawad erzählt, wie die Geschwister Jeanne und Simon die Vergangenheit ihrer Mutter Nawal erkunden, die vor dem Krieg im Nahen Osten in den sicheren Westen geflohen war, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Nawals letzter Wille überträgt den Zwillingen die Aufgabe, zwei Briefe zu übermitteln: einen an ihren tot geglaubten Vater, den anderen an einen unbekannten Bruder. Widerwillig nehmen die beiden die Reise in die Heimat ihrer Mutter auf sich. Die Suche nach den eigenen Wurzeln führt sie in die kollektive Tragödie des Krieges zurück.
Besetzung ad libitum