Joseph Brodsky

geboren 1940 in Leningrad, gestorben 1996 in New York. Brodsky war bereits ein bekannter Dichter und Essayist, als er 1972 aus der Sowjetunion ausgebürgert wurde und nach Amerika ging. In seinem Gedicht 1972 beschreibt er, wie ihm allmählich die Haare und die Zähne ausgehen, dann die Konsonanten, die Verben, die Endungen. Er begann, englisch zu schreiben und verfasste u.a. auch zwei Theaterstücke, eines in englischer, eines in russischer Sprache: "Democracy" und "Mramor".
 weiterlesen »

geboren 1940 in Leningrad, gestorben 1996 in New York. Brodsky war bereits ein bekannter Dichter und Essayist, als er 1972 aus der Sowjetunion ausgebürgert wurde und nach Amerika ging. In seinem Gedicht 1972 beschreibt er, wie ihm allmählich die Haare und die Zähne ausgehen, dann die Konsonanten, die Verben, die Endungen. Er begann, englisch zu schreiben und verfasste u.a. auch zwei Theaterstücke, eines in englischer, eines in russischer Sprache: "Democracy" und "Mramor".

Auszeichnungen:

1991 "Poeta laureatus" der Vereinigten Staaten Amerikas
1987 Literaturnobelpreis

 
Joseph Brodsky »
Theaterstücke (2)
Demokratie! (Democracy!)
Deutsch von Hans Christoph Buch
von Joseph Brodsky
Aus dem Englischen von Hans Christoph Buch
UA: Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 28.10.1990. R: Ulrich Heising
Mit satirischem Witz führt Brodsky in DEMOKRATIE! die Regierenden eines kleinen sozialistischen Staates in Zeiten der Westannäherung vor und gibt Einblick in das Zentrum der Macht: Hier wird, unter dem wachsamen Auge eines ausgestopften Bären, der Mittagstisch gedeckt. Das Staatsoberhaupt Modestowitsch, seine Minister Petrowitsch (Inneres), Adolfowitsch (Finanzen) und Cecilia (Kultur) lassen es sich bei Wassermelonen gut gehen und diskutieren über das Volk und die Vorteile der westlichen Industrie, die Handschellen en gros billiger verkaufen kann. Ein Telefonklingeln stört die realsozialistische Herrscheridylle. Am Apparat ist die Nummer Eins in Moskau und befiehlt die sofortige Einführung der Demokratie. Befehl ist Befehl, auch wenn die Freiheit befohlen wird, und so bleiben den Herren und Damen noch 30 Minuten bis zur offiziellen Verkündung der Demokratie. Es folgt der Schnellkurs: Wie werde ich in einer halben Stunde Demokrat - oder libertäre Strategien des Machterhalts. Das gewährt nicht nur Einblicke in die Psyche von Wendehälsen, sondern auch in die der westlichen Demokratie.
2D-3H
2D-3H




Marmor (Mramor)
Deutsch von Peter Urban
von Joseph Brodsky
Aus dem Russischen von Peter Urban
UA: Badisches Staatstheater Karlsruhe, 13.4.1996. R: Henning Rühle
"Hoch über der Erde, in einem luxuriös ausgestatteten, hermetisch abgeriegelten Gefängnisturm sitzen zwei zu lebenslänglicher Haft verurteilte Männer mittleren Alters. Sie heißen Tullius und Publius und sind 'römische' Bürger in einem universellen, antikisch drapierten Imperium der Zukunft.
Tullius und Publius reden über die ersten und letzten Dinge (und selbstverständlich über alles, was dazwischen liegt), sie streiten und versöhnen sich, schweifen ab, werden vulgär und beleidigend und, scheinbar unvermittelt, gedankenvoll und poetisch. Sie reden (und fechten) miteinander im Bewusstsein, bis zu ihrem jeweiligen Lebensende aufeinander angewiesen zu sein, - denn Flucht ist nicht möglich, und Selbstmord ist kein Ausweg.
Tullius gelingt die Flucht und, noch unglaublicher, er kehrt freiwillig in die Zelle zu Publius zurück. Er kehrt zurück, weil für ihn - unter Verabsolutierung einer 'römischen' Doktrin - der 'Raum', die Welt, keine Alternative zum Binnenraum des Gefängnisses darstellt. Publius, der etwas weniger streng denkt, ist das unbegreiflich. Allein die 'Zeit' bietet, so Tullius, einen Ausweg. Sie ist Brodskys große, vielgestaltige Metapher für die Poesie. Wer dichtet, entzieht sich dem räumlichen Zugriff, er kann, wie die Dichter vor ihm, in die Zeit entkommen. Die Erfahrungen des Exils sind in diesem Begriff von Dichtung weitergesponnen." (Hanns Zischler)
2H
2H