Verlag der Autoren

 

Theater

Auszug aus DER GEIZIGE von Molière, deutsch von Simon Werle

© Verlag der Autoren, Frankfurt am Main

        

ERSTER AKT
 
Erste Szene. Valére, Elise.
 
        VALERE
Wie, schöne Elise? Ihr habt mir hoch und heilig versichert, dass
Ihr mich liebt; warum dann jetzt diese Schwermut? Ich juble, und
Ihr seufzt zum Himmel! Tuts Euch schon leid, dass Ihr mich glück-
lich gemacht habt? Bereut Ihr Euer Versprechen?

        ELISE
O nein, Valére. Was ich auch für Euch tue, ich bereue nichts,
und selbst wenn ich wollte, ich könnte mir das alles gar nicht
anders wünschen. Doch offen gesagt, ich mache mir Sorgen, wo das
alles noch hinführt. Ich fürchte, ich liebe Euch mehr, als ich sollte.

        VALERE
Was habt Ihr davon zu befürchten, Elise, dass Ihr mir gut seid?

        Elise
Ach, nur allzuviel: den Zorn des Vaters; die Vorwürfe der Familie;
den Tadel der Gesellschaft; vor allem aber Euer unbeständiges Herz;
die skrupellose Kälte, mit der die Männer meist reagieren,
wenn wir ihnen allzu vertrauensselig unsere Liebe zeigen.

        VALERE
Schliesst nicht so ungerecht von anderen auf mich.
Unterstellt mir alles, Elise, nur nicht, ich könnte Euch je untreu
werden; dazu liebe ich Euch zu sehr, und zwar solange ich lebe.  

        ELISE
Ach, Valére, in Worten sind sich alle Männer gleich; erst in
ihren Taten zeigen sich die Unterschiede.

        VALERE
Gut. Wenn nur die Tat zeigt, wer wir wirklich sind, dann fällt
kein Urteil über mein Herz, bevor Ihr Taten seht, und malt uns
nicht bereits im voraus irgendwelche Schreckgespenster an die
Wand. Lasst mir nur Zeit; ich werde Euch schon beweisen, dass ich
es ehrlich meine.

        ELISE
Ja, Valére, ich halte Euch für außerstande, mich zu hintergehen.
Ich glaube, Ihr liebt mich wirklich und werdet mir treu sein;
das einzige, was mir noch Angst macht, ist der Tadel der Leute.

        VALERE
Warum um Himmels willen sollten sie Euch tadeln?

        ELISE
Ich hätte nichts zu fürchten, sehen alle Euch mit meinen Augen.
Ich weiß, was Ihr wert seid und wie viel ich Euch verdanke. Nie
werde ich vergessen, wie wir uns begegnet sind: ohne Zögern habt
Ihr Euer Leben gewagt, um mich in letzter Sekunde vor der reißenden
Strömung zu retten; Ihr habt Euch rührend um mich gekümmert,
nachdem Ihr mich aus dem Wasser gezogen hattet; und dann konnten
alle Schwierigkeiten und Hindernisse Euch nicht beirren, Ihr
wart unerschütterlich in Eurer Liebe; sie war Euch wichtiger als
Eltern und Heimat, wichtiger als Eure Reise; ihretwegen seid Ihr
hier in der Stadt geblieben, habt um meinetwillen Euren Stand
verleugnet und sogar, nur um mich zu sehen, bei meinem Vater eine
Stelle als Dienstbote angenommen. Mir erscheint das alles wie
ein Wunder. Dass ich Euch da ein Heiratsversprechen gab, ist in
meinen Augen mehr als gerechtfertigt, aber den andern reicht diese
Rechtfertigung vielleicht nicht aus.

        VALERE
Von allem, was Ihr angeführt habt, will ich mir nur die Liebe an-
gerechnet wissen; und was Eure Bedenken angeht: Euer Vater liefert
er Euch doch selber vor aller Welt die beste Entschuldigung, so wie er
Euch behandelt und seinen Geiz an Euch auslässt.
Verzeiht mir, schöne Elise: in dem Punkt kann man ihm nichts Gutes
nachsagen. Aber lasst mich erst einmal meine Eltern ausfindig
machen, dann haben wir ihn bald gewonnen. Wenn nicht demnächst
Nachricht von ihnen kommt, mache ich mich selber auf den Weg.

        ELISE
Ah, Valére, rührt Euch bitte nicht von hier fort; und seid vor
allem darauf bedacht, Euch bei meinem Vater gut zu stellen.

        VALERE
Ihr seht ja, wie aalglatt ich mich ihm als Verwalter angedient
habe und wie ich überall nach seiner Pfeife tanze, um mir seine
Sympathie zu sichern. Und ich muss sagen, ich mache gewaltige
Fortschritte: wenn man Menschen gewinnen will, gibt es offenbar
kein besseres Mittel, als mit ihnen ins gleiche Horn zu stossen,
ihre Weisheiten nachzubeten, ihre Schwächen zu beweihräuchern
und Bravo zu rufen bei allem, was sie tun. Man kann gar nicht zu
dick auftragen; ist er nur mit Lob gewürzt, dann geht ihnen der
haarsträubendste Unsinn herunter wie Honig. Die Aufrichtigkeit
leidet etwas in dem Metier; aber wer sich gern schmeicheln lässt,
der wird mit Fug und Recht betrogen.

        ELISE
Warum versucht Ihr nicht, auch meinem Bruder zu gewinnen, für
den Fall, dass das Hausmädchen unser Geheimnis ausplaudert?

        VALERE
Man kann nicht beiden nach dem Mund reden; Vater und Sohn sind zu
verschiedene Temperamente. Aber Ihr versteht Euch doch gut mit
ihm; zieht ihn auf unsere Seite. Er kommt, ich verschwinde.
Packt die Gelegenheit beim Schopf und sprecht mit ihm; aber sagt
ihm von unserer Abmachung nur soviel, wie Ihr für richtig haltet.

        ELISE
Ich weiß nicht, ob ich die Kraft habe, sie ihm anzuvertrauen.