Auszug aus BEZAHLT WIRD NICHT! von Dario Fo
© Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Erster Akt
Bild: Eine einfache Arbeiterwohnung. In der Mitte ein Tisch, an den Seiten ein Bett, ein Schrank, eine Kredenz; ein Eisschrank, ein Gaskochherd und, in geringem Abstand, zwei Gasflaschen eines Schweißgerätes.
Eine Frau tritt ein (Antonia), gefolgt von einer zweiten, jüngeren Frau (Margherita). Sie sind mit übervollen Markttaschen beladen, außerdem mit verschiedenen Plastiktüten, die ebenfalls voller Einkäufe sind, und stellen die Sachen auf den Tisch.
ANTONIA Wirklich ein Glück, dass ich dich getroffen habe … ich hätte nicht gewusst, wie ich all den Kram nach Hause tragen sollte.
MARGHERITA Ich möchte wissen, woher du das Geld hast, um all das Zeugs zu kaufen.
ANTONIA Sag ich dir doch. Ich hab mit Gloria-Punkten bezahlt, und dann hab ich in einer Waschmittelpackung eine Goldmünze gefunden.
MARGHERITA Das kannst du mir nicht erzählen. .. eine Goldmünze!
ANTONIA Du glaubst mir nicht?
MARGHERITA Doch, doch.
ANTONIA Gut, dann erzähl ich dir was anderes. .. Wohin gehst du?
MARGHERITA Mach's gut!
ANTONIA Nein, warte, ich sag dir die Wahrheit. Mach erst die Tür zu.
MARGHERITA schließt die Tür Jetzt sag mir's. Sie setzt sich.
ANTONIA Ich wollte zum Supermarkt, und wie ich hinkomme, ist ein Mordsradau und eine Menge Frauen, auch ein paar Männer, weil sie die Preise erhöht hatten, dass dir schlecht werden konnte.
MARGHERITA Genau, da kann einem schlecht werden.
ANTONIA schaut in die Plastiktüten und legt sie Stück für Stück in die Kredenz, Die Nudeln und dann der Zucker, ich sag dir was … ganz zu schweigen vom Fleisch, die Konserven… der Verkaufsleiter versuchte, uns zu beruhigen: »Was kann ich dafür, mach ich die Preise, die Direktion hat die Preiserhöhungen beschlossen«. - »Beschlossen? Mit wessen Erlaubnis?« - »Mit gar keiner, es ist völlig erlaubt: Der Handel ist frei, bei uns herrscht freie Konkurrenzwirtschaft!!« - »Freie Konkurrenzwirtschaft? Gegen wen? Gegen uns? Müssen wir uns alles gefallen lassen?« - »Geld her oder das Leben!« -»Ihr Räuber!!«, habe ich geschrieen, und dann hab ich mich versteckt.
MARGHERITA Recht so.
ANTONIA Dann hat eine gesagt: »Jetzt langt’s! Diesmal bestimmen wir die Preise selber. Wir zahlen das, was wir letztes Jahr auch gezahlt haben. Wenn ihr Schwierigkeiten macht, nehmen wir den Kram mit und zahlen überhaupt nicht! Verstanden! Entweder ihr akzeptiert unsere Preise, oder wir nehmen das Zeugs so mit!!« Das hätt’st du sehen sollen: Der Verkaufsleiter wurde blass wie ein Handtuch. »Ihr seid verrückt geworden. Ich rufe die Polizei!« Er läuft wie ein Wilder an die Kasse, um zu telefonieren … das Telefon geht nicht. Jemand hat die Leitung aus der Wand gerissen.» Bitte, lasst mich durch in mein Büro!! Bitte Platz machen. « Er kam nicht durch … die ganzen Frauen um ihn herum … er schiebt, eine Frau tut so, als hätte sie einen Schlag abgekriegt … lässt sich fallen und spielt die Ohnmächtige.
MARGHERITA lacht Ist das schön!!
ANTONIA »Du Feigling!«, schreit eine Frau, so eine ganz dicke große: »Jetzt legt er sich noch mit dieser armen Frau an … bestimmt ist sie schwanger und hat eine Fehlgeburt … pass auf, jetzt geht’s dir dreckig. Wir bringen dich ins Gefängnis ! Du Mörder!« Und die anderen Frauen »Kindermörder!«
MARGHERITA lachend Wie schade, dass ich nicht dabei gewesen bin…
ANTONIA Es war ein ergreifendes Schauspiel !
MARGHERITA Und wie ging die Sache weiter?
ANTONIA Naja, es ging so aus, dass dieser Schwachkopf von einem Verkaufsleiter … hat die Nerven verloren und nachgeben musste … und wir haben das bezahlt, was wir bezahlen wollten. Ein paar haben's etwas übertrieben, muss ich sagen, und wollten anschreiben lassen … ohne noch nicht einmal ihren Namen zu sagen. »Nein, nein, Ihnen ist nicht zu trauen, mein lieber Herr Direktor, Sie sind in der Lage und zeigen mich noch an, hinterher. Sie müssen uns schon vertrauen. Sie sagen doch selber: Das Vertrauen ist die Seele vom Geschäft. Also machen Sie's gut. Und viel Vertrauen!!«
MARGHERITA lacht schallend.
ANTONIA »Die Polizei kommt!« schreit einer. Das war blinder Alarm, aber trotzdem begann alles zu flüchten, wir Frauen … manche ließen alles auf die Erde fallen, eine fing sogar an, vor Schreck zu weinen. »Ruhig, ruhig!«, haben ein paar Arbeiter gerufen, die aus einer Fabrik in der Nähe kamen … » macht nicht in die Hose, aus Angst, die Polizei könnte Euch schnappen! Mein Gott! Es ist Euer gutes Recht, einen gerechten Preis zu zahlen! Das hier ist wie ein Streik und sogar besser als streiken, weil beim Streik haben wir Arbeiter immer den Lohnausfall, während hier endlich einmal die Bosse draufzahlen müssen! Am allerbesten ist: ›Gar nicht zahlen! Bezahlt wird nicht!‹ Das ist die Quittung für das, was ihr uns in all den Jahren abgenommen habt, die wir hierher kommen und kaufen.« Damit schnappten sie sich, was sie brauchten, und zogen ab. Da habe ich mir’s auch überlegt und hab noch mal von vorne eingekauft! »Bezahlt wird nicht! Bezahlt wird nicht!!«, hab ich geschrieen. Und die ganzen anderen ebenfalls: »Bezahlt wird nicht! Bezahlt wird nicht! « Es war wie beim Sturm auf Rom!
MARGHERITA Scheiße, war das schön ! Dass ich nicht dabei war !