Verlag der Autoren

 

Theater

Auszug aus MÖRDER MIT GEFÜHL von Gabriel Dagan

© Verlag der Autoren, Frankfurt am Main

Das Wohnzimmer einer extravaganten Wohnung der gehobenen Mittelschicht. Hinten in der Mitte ein großes Fenster, durch das man typische Gebäude der jeweiligen Stadt sieht. Links eine Tür zum Schlafzimmer. Hinten links vom Fenster ein kleiner Vorraum mit Türen zur Küche und einem anderen Zimmer. Rechts ein kleiner Flur, der zur Wohnungstür führt. Im Zimmer stehen ein Tisch und ein paar Stühle, ein Sofa mit bunten Kissen, neben dem Sofa ein Beistelltisch. An den Wänden einige grelle Gemälde. Auf der linken Seite steht ein riesiges Aquarium mit Multicolor-Beleuchtung.

MRS. GOODMAN von draußen Ja!? – Ja!? – Jojo – hast du mich gerufen?

Sie kommt aus dem Schlafzimmer. Sie ist um die Fünfzig, aber immer noch attraktiv, zumindest in ihren eigenen Augen. Sie trägt ein geblümtes Kleid. Sie geht zum Aquarium und redet mit dem Fisch.

MRS. GOODMAN Jojo, hast du nach mir gerufen? – Was ist denn, Jojo? - Oauh, oauh. – Ich glaube, er hat wieder Zahnschmerzen. Jojo, hast du nach mir gerufen? Jojo, sag was, mein Herzchen. Magst du nicht lächeln? Komm, lächle mal... Sie läuft um das Aquarium herum entsprechend zu den Bewegungen des Fisches. Jojo! Jojo! Sie läuft immer schneller. Jojo! Jojo!
HAUSMÄDCHEN kommt aus der Küche; sie ist ungefähr 30, keine besonderen Merkmale Haben Sie mich gerufen, Madam?
MRS. GOODMAN Nein. Sieh dir mal Jojo an, Marianne, wie traurig er ist. Er mag nicht mit mir spielen. Er mag nicht mal mit mir reden. Ich nehme an, er hat wieder Zahnschmerzen.
HAUSMÄDCHEN geht zum Aquarium Darf ich mal sehen?
MRS. GOODMAN Ist er nicht süß?
HAUSMÄDCHEN Er sieht wirklich ganz verquollen aus!
MRS. GOODMAN Armer Jojo... hat er schon sein Frühstück bekommen?
HAUSMÄDCHEN Ja, Madam.
MRS. GOODMAN Vielleicht ist er nur hungrig.
HAUSMÄDCHEN Er hat sein normales Frühstück bekommen: 2 Rühreier, Toast und eine Tasse Kaffee.
MRS. GOODMAN Mit Milch?
HAUSMÄDCHEN Ja, Madam.
MRS. GOODMAN Ja... wie seltsam. Mach lieber mal das Fenster zu. Vielleicht zieht es ihm zu sehr.

Marianne schließt das Fenster.

MRS. GOODMAN zu Jojo Was kann ich für dich tun, mein Herzchen? Möchtest du ein bisschen fernsehen? Nein? – Nein? – Naja, das kann ich dir nicht verdenken. Magst du ein Stückchen Schokolade? Ach Gott, es ist keine da. Zum Hausmädchen. Würdest du so gut sein und welche einkaufen.
HAUSMÄDCHEN Ist gut, Madam.
MRS. GOODMAN Schweizer Zartbitterschokolade, du weißt, Jojo mag nur Schweizer Zartbitterschokolade.
HAUSMÄDCHEN Brauchen Sie sonst noch etwas?
MRS. GOODMAN Jojo braucht es. Hoffentlich heitert es ihn auf.

Marianne will gehen.

MRS. GOODMAN Marianne, würdest du bitte das Fenster aufmachen. Es ist ein bisschen stickig hier drin. Vielleicht bekommt Jojo das nicht.

Marianne macht das Fenster auf.

MRS. GOODMAN Jojo, sei nicht so traurig. Ich glaube, ich sollte Dr. Birdwhistle anrufen. Der wird dich untersuchen und... Zu Marianne. Bist du immer noch hier?
HAUSMÄDCHEN Nein, Madam. Ab.
MRS. GOODMAN am Telefon Hier ist Mrs. Goodman. Kann ich bitte mit Dr. Birdwhistle sprechen? – Oh, ach so. Schade. Würden Sie ihm bitte sagen, wenn er zurückkommt, möchte er sofort hierherkommen? Es handelt sich um einen Notfall. Ja, es ist wieder Jojo. – Nein, Jojo! Mein Fisch! Es klingelt an der Tür. Ja, mein Fisch. Ich glaube, er hat wieder Zahnschmerzen! Es klingelt wieder. Ach ja, bitte! Es geht ihm wirklich ganz schlecht! – Ich danke Ihnen. Sie legt auf. Ich komme! Ich komme! Sie öffnet die Wohnungstür. Ja bitte?

In der Tür steht ein etwa 50 Jahre alter Mann. Er ist klein und sieht unbedeutend aus. Seine Kleidung ist eher schäbig, ganz im Gegensatz zu dem kleinen, sehr eleganten Koffer, den er dabei hat.

DER MANN Guten Tag, Mrs. Goodman, ich...
MRS. GOODMAN Vielen Dank, wir brauchen heute nichts.
DER MANN Ich verkaufe nichts.
MRS. GOODMAN Nein? Was wollen Sie dann? Wenn Sie für irgendeine von diesen Organisationen sammeln, mein Mann spendet immer von seinem Büro aus, und ich...
DER MANN Nein, nein, Madam, Sie schätzen mich falsch ein. Ich verkaufe nichts und bitte auch nicht um Spenden.
MRS. GOODMAN Nein? Warum haben Sie dann bei mir geklingelt?
DER MANN Um Sie zu fragen, ob Ihr Mann zuhause ist. Bitte, ist Mr. Goodman zuhause?
MRS. GOODMAN Nein, er ist noch nicht vom Büro zurück.
DER MANN Und wann erwarten Sie ihn zurück?
MRS. GOODMAN Also, in ungefähr einer halben Stunde wird er hier sein.
DER MANN Ah ja.
MRS. GOODMAN Darf ich Sie fragen, Sir, was Sie...?
DER MANN Ich bin der Mörder Ihres Mannes.
MRS. GOODMAN Bitte?
DER MANN Ich bin der Mörder Ihres Mannes.
MRS. GOODMAN Sie haben ihn ermordet?
DER MANN Nein, nein. Ich will ihn erst ermorden.
MRS. GOODMAN Tatsächlich?
DER MANN Ja, tatsächlich.
MRS. GOODMAN Ja dann, kommen Sie doch bitte herein – nehmen Sie Platz –
DER MANN Danke. Erst jetzt betritt er den Raum.
MRS. GOODMAN setzt sich an den Tisch Setzen Sie sich doch, bitte. Setzen Sie sich.
DER MANN Ach nein, danke. Ich bin nicht müde.
MRS. GOODMAN Ach so... Ja, als ich Ihren Koffer sah... ich war ganz sicher, dass Sie irgend etwas verkaufen, oder dass Sie Spenden sammeln für eine dieser Organisationen... Ständig kommt jemand und klingelt bei mir an der Tür. – Ich habe Sie doch hoffentlich nicht beleidigt?
DER MANN Nein, nein... überhaupt nicht.
MRS. GOODMAN Bitte, kommen Sie und setzen Sie sich. Mein Mädchen wird jeden Moment zurück sein und macht uns eine kleine Tasse Kaffee.
DER MANN Vielen Dank. Er setzt sich Mrs. Goodman gegenüber und sieht sich im Zimmer um, während sie weiterspricht.
MRS. GOODMAN Sie ist nur grade runtergegangen...
DER MANN Wer?
MRS. GOODMAN Das Mädchen. Ein bisschen Schokolade kaufen für Jojo. Er ist krank. Sehr krank.
DER MANN Wer?
MRS. GOODMAN Jojo. Mein Fisch. – Kommen Sie, sehen Sie ihn sich an.

Sie geht zum Aquarium, der Mann folgt ihr.

MRS. GOODMAN Ich glaube, er hat Zahnschmerzen. Ist das nicht entsetzlich?
DER MANN Entsetzlich.
MRS. GOODMAN Warum muss so ein süßes unschuldiges Herzchen wie Jojo soviel leiden? Gibt es denn keine Gerechtigkeit in dieser Welt? Und kein Erbarmen?
DER MANN Ja, die Welt ist eben nur eine Welt.
MRS. GOODMAN Sind Sie ein Philosoph?
DER MANN Nicht eigentlich.
MRS. GOODMAN Sie sind so bescheiden!
DER MANN Danke.
MRS. GOODMAN Setzen wir uns doch wieder. Wir können meinem armen Jojo sowieso nicht helfen. Setzen Sie sich doch, Mister... Mister...
DER MANN Wolf. Harry Wolf.
MRS. GOODMAN Was für ein reizender Name! Bitte, setzen Sie sich doch, Mr. Wolf. Sie setzen sich einander gegenüber. Ich bin Mrs. Goodman. Henriette Goodman.
DER MANN Ich weiß.
MRS. GOODMAN Ich dachte mir schon, dass Sie das wissen, aber... Also, ich kann mich nicht länger beherrschen, ich muss Sie einfach fragen: Wie wollen Sie meinen Mann umbringen? Erschießen? Ihn erwürgen? Oder Gift? ... Bitte, Sie müssen meine Neugier verzeihen, aber... Sie wissen ja, wie Frauen sind...
DER MANN Es gibt verschiedene Methoden. Kommt ganz drauf an.
MRS. GOODMAN Auf was?
DER MANN Auf das Opfer... meine Stimmung... das Wetter...
MRS. GOODMAN Auf das Wetter?
DER MANN Selbstverständlich. An einem Regentag würde ich niemals einen Mann aus dem Fenster werfen. Ich arbeite sehr ordentlich, Mrs. Goodman. Das können Sie mir glauben.
MRS. GOODMAN Ich glaube Ihnen.
DER MANN öffnet seinen Koffer Ich habe auch einige sehr ungewöhnliche Techniken... alles meine eigenen Erfindungen. Sehen Sie sich zum Beispiel mal das an. Er nimmt einen Schraubenzieher aus dem Koffer.
MRS. GOODMAN Ein Schraubenzieher?
DER MANN Genannt der „Harry-Wolf-Schraubenzieher“. Ich habe ihn patentieren lassen. Beachten Sie die speziellen Windungen. Sehr viel effektiver als ein flaches Messer.
MRS. GOODMAN Aber tut das nicht weh?
DER MANN Nur wenn der Klient kitzlig ist und anfängt zu kichern, während ich arbeite. Aber im Allgemeinen kichern sie nicht.