Verlag der Autoren

 

Theater

DIE AMBIVALENZ DES BRÜCKENBAUS
(Rede beim Berliner Theatertreffen 2010)

von Nino Haratischwili

Da der Diskurs um die modere Dramatik, aber auch der Austausch zwischen verschiedenen Theaterkulturen sehr komplex ist, möchte ich mich auf ein paar Aspekte konzentrieren, Themen, mit denen ich persönlich mehrfach in Berührung gekommen bin und mit denen ich mich als Autorin mit georgischem Hintergrund, jedoch auf Deutsch schreibend und hauptsächlich in Deutschland lebend und arbeitend, fast täglich auseinander setzen muss.
Vom 6. bis 8. Mai fand in Berlin das Symposium „Dramaqueen“, zur weiblichen Dramatik aus Mittel und Osteuropa, statt. Es war für mich sehr interessant daran teilzunehmen, vor allem wegen dem Austausch, der zwischen den Veranstaltungen, zwischen den Künstlerinnen stattfand. Es war sehr spannend, die heutige Bestandaufnahme der Theaterlandschaft sehr verschiedener osteuropäischer Länder – von Kroatien bis hin zu der Ukraine – vermittelt zu bekommen. Und vor allem – es waren sehr verschiedene Sichten und Situationen trotz des angeblich gemeinsamen „osteuropäischen“ Hintergrunds. Doch eins hatten wir alle gemeinsam: die Ambivalenz.
Fast jede Kollegin von mir beklagte sich darüber, dass die „Ostler“ die eigene Künstler – das betrifft sowohl Autoren, als auch Regisseure – erst dann zu schätzen beginnen, wenn die „Westler“ diese als „wertvoll“ eingestuft und erstmal durch die Förder- bzw. Festivalmaschinerie durchgejagt haben. Dass teilweise die Autoren, die im Westen mehrere erfolgreiche Aufführungen gehabt haben, in den eigenen Ländern gar nicht gespielt werden. Dieses Phänomen zu pauschalisieren, ist natürlich sehr oberflächlich und platt, jedoch ist es ein Phänomen, mit dem viele Kollegen von mir, mich eingeschlossen, zu kämpfen haben. Natürlich gibt es zum Glück Ausnahmen, und natürlich hängt dieses Phänomen auch stark mit der jeweiligen politisch-wirtschaftlichen Situation des Landes zusammen. Und natürlich ist jeder Künstler und ganz besonders Theatermacher, im Westen wie im Osten, von der finanziellen Unterstützung abhängig.
Hierzulande muss man ja mittlerweile bis zu einem gewissen Grad bestimme Festivals, Fördermöglichkeiten wahrnehmen, sich bemerkbar machen, man muss verschiedene Plattformen nutzen, um gelesen, aufgeführt zu werden. All diese Institutionen sind einerseits sehr gut und bieten verschiedenen, vor allem jungen Autoren viele Möglichkeiten und Chancen, bergen jedoch gleichzeitig auch eine große Gefahr. Durch die Vielzahl der Festival- und Fördermöglichkeiten muss sich natürlich das Pensum an Uraufführungen steigern, dem kann man gar nicht mehr nachkommen, weil das Schreiben nun mal seine Zeit braucht und man eben auch nicht unaufhörlich kreativ sein kann. Diese Festivals und Podien müssen gewissermaßen, da sie ja meist finanziell vom Staat gefördert werden und in den Zeiten der Wirtschaftkrise jedes Jahr aufs Neue beweisen müssen, dass sie erforderlich sind, jedes Jahr neue Entdeckungen machen, jedes Jahr neue „bahnbrechende“ Autoren hervor bringen – auch das steigert die Zahl der Uraufführungen, aber steigert es auch automatisch die Qualität der Texte?
Hinzu kommt natürlich die extreme Mode, die von vielen Theatern gepflegt wird: die Mode der Uraufführungen. Aber man schreibt ja nicht, um nur einmal gespielt zu werden.
Durch all das Aufgezählte steigert sich die Quantität, man sucht jedoch weiterhin nach Qualität, und so muss der Westen nun auf den Osten zugreifen.
Noch ein interessanter Punkt fördert das Interesse am Osten: seit der neuerdings in der deutschen Theaterlandschaft erneut entfachten Debatte um die „Welthaltigkeit“ in den Dramen hierzulande. Die Kritik an den jungen Autoren, die angeblich nur um sich selbst kreisen und kaum Themen jenseits der Campus und kleinkarierten WG-Geschichten aufbringen können. Wiederum denen, die sich mit „großen, welthaltigen“ Themen befassen, spricht man die Wahrhaftigkeit der Themen ab oder ist der Meinung, dass es gar nicht sein kann, weil der Autor oder die Autorin mit einem wohlbehüteten Hintergrund solche „Sachen“ gar nicht wissen kann. Da wären wir wieder bei dem spannenden Thema des Authentischen, das nur so nebenbei...
Und hier kommt nun die Ambivalenz erneut ins Spiel: Der Westen erkennt im Osten ein großes Potenzial, die Wut und das Exotische, spricht ihm jedoch gleichzeitig teilweise das Recht der künstlerischen Freiheit ab. Ich berichte in dem Fall von meinen persönlichen Erfahrungen, die von vielen Kollegen aus Osteuropa geteilt werden, wenn ich behaupte, dass man Stücke und Autoren aus Osteuropa nur dann interessant und förderungswürdig findet, wenn sie sich angeblich mit ihrer „krassen, gewaltvollen, kummervollen“ Geschichte auseinandersetzen, die im Osten nun mal gegenwärtiger ist als im Westen. Diese Geschichte handelt natürlich von Kriegen, mindestens von Vergewaltigungen, von tragischen Familiengeschichten, die geprägt sind von der Politik, sie handelt, kurz gesagt, von „Welthaltigkeit“. Und der Osten ist eben auch nur dann interessant, wenn man zwar all diese Themen auf „östliche“ Art und Weise verhandelt, sich in der Form jedoch an den „Westen“ anpasst. Dies ist fatal – denn im Theater sollte es stets um die eigene, individuelle Sicht gehen, egal mit welchem Hintergrund.
Von den 11 Stücken, die ich bisher veröffentlich habe, setzt sich nur ein Stück von mir, das „Georgia“ heißt, auf direkte Art und Weise mit meiner Heimat und ihrer jüngsten Geschichte auseinander. Ich will keineswegs sagen, dass dieses Stück für mich unbedeutend oder in irgendeiner Art und Weise minder wichtig ist als meine anderen Texte, doch manchmal macht es mich traurig, dass es das Stück ist, worauf ich am meisten angesprochen werde und was am meisten besprochen wird. Da die Geschichte, unter anderem, eben vom Krieg und vom Leid handelt. Und natürlich wird überall behauptet, die Geschichte sei autobiografisch, obwohl ich dies nirgends und niemals behauptet habe. Diese Geschichte wurde in meinem Land bisher kein einziges Mal aufgeführt, und alle Versuche, das Stück zu einer Aufführung zu bringen, sind bisher gescheitert. Der Fakt, dass die Geschichte – für den aktuellen Markt – anscheinend welthaltig genug ist, und dies glaubwürdig und authentisch, hat mit der Tatsache zu tun, dass ich aus Georgien komme, also aus einem kriegsgeschädigten und zerrütteten Land, und man mir das Recht zuspricht, auf eine welthaltige Art und Weise gelitten zu haben, so dass ich nun sogar das Recht habe – pathetisch zu sein. Bis ich „Georgia“ schrieb, war immer die Kritik an meinen Texten: „pathetisch und gefühlig, bis hin zu poetisch“  zu sein. (Keineswegs positive Bewertungen.) „Georgia“ scheint  mich auf eine Art und Weise entschuldigt zu haben, warum, das weiß ich nicht. Seitdem darf ich „pathetisch, gefühlig und poetisch“ sein, und all diese Bewertungen sind nicht mehr so negativ konnotiert. In meinem Land wurde der Text von „Georgia“ als zu kritisch und zu schroff wahrgenommen – keineswegs poetisch oder gefühlig. Also, wieder diese berühmt-berüchtigte Ambivalenz.
Ich als Mensch wie als Autorin beschäftige mich natürlich, wie jeder andere auch, mit meiner Vergangenheit, aber ich muss mich genauso gut mit meiner Gegenwart beschäftigen. In der reagiere ich auf die Welt, in der wir nun mal leben, aus meiner Sicht und mit meinen Mitteln. Manchmal interessiert mich jemand, der in WG- und Campus-Geschichten drin steckt, und manchmal interessiert mich der Krieg. Ich finde es schade, dass der Osten die eigenen Künstler erst wert schätzt, wenn der Westen sie für gut heißt. Genauso schade finde ich es aber auch, dass der Westen die Künstler aus dem Osten für die eigenen Defizite – bis hin zu eigenen Projektionen – benutzt. Das ist eine grobe und pauschale Feststellung, und doch ist sie oft sehr real.
Die Globalisierung und das Zusammenwachsen der vielen Kulturen heißt nicht, das Eigene vergessen, und das Eigene – in der Kunst – wiederum sollte DAS welthaltige, authentische und berechtigte sein. Man sollte sich, wie auch das eigene Schaffen, der Kritik durchaus unterziehen können, aber man sollte sich nicht dem Markt anpassen, der einen auffrisst, wenn man sich verheizen lässt und fallen lässt, wenn man z.B. nach vier guten Aufführungen mal eine misslungene hat.
In unserer Gegenwart ist die Ambivalenz ein großes Problem, aber auch eine Bereicherung. Die Welt, in der wir leben, ist sehr gespalten, und sie wird zunehmend komplexer und undurchschaubarer, es wird zunehmend schwieriger, darin eine klare eigene Position zu finden und sie vor allem auch vertreten zu können, denn man lebt in einem ständigem Wandel. Aber das ist das, was das Theater – zumindest für mich – ausmacht. Die Bühne ist nun mal ein Ort, wo wir uns kurz Zeit nehmen können, um zu reflektieren. Ein Ort, wo wir das Eigene vertreten können, wo wir gedanklich die Konsequenzen durchgehen können, denken und fühlen können, ohne das alles gelebt zu haben und leben zu müssen, was wir empfinden und sehen. Im Theater müssen alle Geschichten, die lohnenswert sind, dass man sie erzählt, Platz haben, jenseits von Ost, West oder irgendwelchen gerade modischen Kriterien.
Das Theater ist vor allem, nach wie vor, einer der letzten Orte, wo wir verschwenderisch sein können und wo wir Leistung nicht mit Gewinn gleichsetzen müssen. Und dieses Gut gilt es für mich – gerade heute – extrem zu verteidigen. Es gilt, meiner Meinung nach, dafür zu kämpfen, dass man die Qualität erhält. Eine Geschichte kann auf eine Million verschiedene Arten und Weisen erzählt werden, und das sollte das Theater bieten – nach wie vor. Man sollte als Autor – egal woher man kommt – nicht gezwungen werden, sich mit Themen zu befassen, die mit einem nichts zu tun haben, nur weil sich so die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass man gefördert wird, man sollte nicht gezwungen werden, drei Mal mehr zu arbeiten und dadurch das eigene Schaffen respektlos zu behandeln, weil man so bessere Chancen hat zu überleben. Denn aus langer Sicht kann man sich als Künstler und vor allem als Autor nur dann etablieren, wenn man das Eigene vertritt und wahrt.
Gerade gibt es in der Ausgabe von der „Deutschen Bühne“ einen großen Bericht zu dem aktuellen Stand um dieses Thema und zu den Fördermöglichkeiten. Alle Kollegen von mir, die dort zu Wort kommen,  wünschen sich eine „nachhaltigen Förderung“, verschiedene Möglichkeiten – von Hausautorenmodellen bis hin zu Stipendien –, die einem die Freiheit geben, die Themen zu untersuchen, die einen interessieren und einen nicht unter Druck setzen, sich bestimmten Kriterien anpassen zu müssen. Dem stimme ich absolut zu. Das sollte jede Förderinstitution berücksichtigen, denn nur so kann man das Eigene und damit eben auch die Qualität der Texte erhalten und fördern.
Zum Schluss möchte ich eine kleine Anekdote erzählen und damit wieder die kleine, ambivalente Brücke zwischen Ost-West schlagen.
2008 befand ich mich im Urlaub in meiner Heimat, als dort der Russisch-Georgische Krieg ausbrach, und das geschah von heute auf morgen und ohne jegliche Vorwarnung, außerdem zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in Peking. Ich saß da fest, wusste nicht, wann ich wieder vereisen bzw. nach Deutschland zurückkehren könnte und ob ich das überhaupt wollte, meine Familie und Freunde zurück lassend. In der Zeit schrieb ich viel, unter anderem auch Mails an meine Freunde aus Deutschland, die sich natürlich sorgten und zu helfen versuchten, jedoch in einer sommerlichen, entspannten Umgebung ihren geregelten Beschäftigungen nachgingen. Aus diesem Austausch und dem Versuch, die verschiedenen Realitäten miteinander zu teilen, entstand Monate später das Stück „Radio Universe“, das im April dieses Jahres auf Kampnagel, Hamburg, uraufgeführt wurde.
Das Stück beginnt mit einem Monolog von einem Hund. Vor meiner Abreise im Sommer 2008 ging ich mit meinem Hund, den ich aus einem deutschen Tierheim habe, zu einer Tierärztin in Hamburg, um mich nach den Ausreisekriterien für das Tier zu erkundigen. Sie grübelte recht lange nach und sagte, das sei schwierig, da ja Georgien nicht EU sei und das Tier 5 Wochen unter Quarantäne gestellt werden müsse, ich fuhr aber insgesamt nur 4 Wochen weg. Es war also absurd. Ich protestierte, woraufhin sie meinte: Na ja, das tut mir leid, ihr Hund hat zwar einen EU Pass, Sie aber nicht. Also hatte ich offiziell viel weniger Rechte als mein Hund. Ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte. Ich hatte schon des Öfteren Probleme als Georgierin mit den deutschen Behörden. Ich komme nun mal aus einem Land, das keiner kennt, und übe einen Beruf aus, den auch keiner kennt, zumindest in den Behörden, aber dies war wirklich das Höchste.
Die Regisseurin, Nina Mattenklotz, mit der ich eben in dem besagten Sommer auch viele Mails austauschte, rief mich nach einer Probe an und meinte, dass die Hundepassage immer wieder zur Begeisterung und zum Gelächter führe – im Team und auch später bei der Aufführung, das sei ja eben auch absurd und überhöht, aber da gäbe es eine Passage, die sei pathetisch bzw. schwer vertretbar, da sie eben sehr symbolträchtig wirke, ob man da nicht was machen könne. Es handelte sich um eine Passage, in der einer der Figuren von einem der Bombenangriffe berichtet. Da wird ein Krankenhaus zerbombt, und zwar der linke Flügel, ausgerechnet der liegt in Schutt und Asche. Dieser Flügel  war jedoch die frisch renovierte Geburtsstation. Ich erwiderte, dass gerade diese beiden Passagen keine Früchte meiner Fantasie seien, sondern die reinste Wahrheit. Da mussten wir beide lachen.
In der Presse so wie unter den Zuschauern wurden ausgerechnet diese Passagen öfters erwähnt bzw. besprochen. Es wurde bemerkt, bei einem ansonsten so schwer verdaulichen Thema hätte man sich sehr über solch absurde „humoristisch-zynische“ Passagen bzw. Figuren gefreut und aufgeatmet. Auch da habe ich mich gefragt, ob ich lachen oder weinen sollte.
Vielen Dank.

Berlin, 12. Mai 2010